Die Pfadfinderbewegung als Opfer des Naziregimes

von Philipp Pertl am 29.03.2010
Am 8. März überreichte der Britische Sicherheitsdienst dem Nationalarchiv drei Bündel freigegebener Dokumente, die den Zeitraum von 1937 bis 1944 umfassen. Das Weltbüro der Pfadfinder erwarb diese Dokumente um sie zu begutachten.
Die Pfadfinderbewegung als Opfer des Naziregimes

Sie beinhalten hauptsächlich Aufzeichnungen über das Kommen und Gehen von Mitgliedern der Hitlerjugend in Großbritannien. Andere Teile beziehen sich auf die Jugendbewegung der Nationalsozialisten.

Wie Baden-Powell Vertreter der Hitlerjugend getroffen hat

Unter all diesen Dokumenten befindet sich die Kopie eines Briefes, den Baden-Powell am 20. November 1937 an Joachim von Ribbentrop, dem deutschen Botschafter in London, geschickt hat. Darin bedankt er sich dafür, dass dieser ihn am 19. November empfing, um Jochen Benemann und Hartmann Lauterbach, Funktionäre der Hitlerjugend, zu treffen.

Der Ton des Briefes ist höflich und diplomatisch. Er bezieht sich auf die wechselseitigen Gefühle, die die Deutschen und die Briten austauschen könnten. Baden-Powell schreibt "Ich hoffe ernsthaft, dass es uns in naher Zukunft möglich sein wird, diese durch die Jugendlichen auf beiden Seiten auszudrücken und werde sofort meine Zentrale kontaktieren, um zu sehen welche Vorschläge sie hierzu machen können."

In einem dieser drei Bündel von Dokumenten befindet sich ein zweiseitiger Report, den Baden-Powell (nachfolgend BP) an den internationalen Kommissar übermittelte, wo er festhält, dass "beide (Lauterbacher) und Benemann unbedingt die Pfadfinder in engeren Kontakt mit der deutschen Jugendbewegung bringen wollen." Er setzt seinen Report damit fort, indem er festhält, dass Ribbentrop "die Pfadfinderbewegung als sehr mächtige Kraft sieht", um die beiden Jugenden zueinander zu bringen. Zu Ribbentrop und in seinem Bericht meint BP, "dass der wahre Frieden zwischen zwei Nationen davon abhängt, dass die Jugend in einem freundschaftlichen Verhältnis aufwächst und dabei die Streitigkeiten der Vergangenheit vergisst."

Der Bericht beinhaltet keinerlei Instruktionen Baden-Powells, den Vorschlägen Ribbentrops zu folgen. Schwarz/Weiß-Foto von Lord Baden Powell mit Jugendlichen. Copyright WOSM

Baden-Powell hat Hitler nie getroffen. In seinem Report sagt Baden-Powell dass Ribbentrop möchte, dass er nach Deutschland fährt, um Hitler zu treffen. Es ist offensichtlich, dass dieses Treffen nie stattgefunden hat. Eine Woche nach seinem Zusammentreffen mit dem Botschafter brach BP nach Afrika auf. Er kam 1938 für kurze Zeit nach Großbritannien zurück, bevor er sich am 27. Oktober 1938 endgültig nach Kenia zurückzog, wo er drei Jahre später starb. 1933 und 1937 antwortet das Weltbüro der Pfadfinder auf das Verbot der Pfadfinder durch die Nationalsozialisten.

Im Jänner 1933, vor der Machtübername der Nationalsozialisten, brachte die Hitlerjugend ihre feindselige Haltung gegenüber den Pfadfindern zum Ausdruck und beanspruchte für sich das alleinige Vertretungsrecht der deutschen Jugend. Am 17. Juni 1933 wurde der Großdeutsche Bund, eine Vereinigung vieler Jugendbewegungen, dem auch einige Pfadfinderverbände angehörten, verboten. Am 26. Mai 1934 wurde die Reichschaft deutscher Pfadfinder, eine andere Vereinigung von Pfadfinderverbänden, per Dekret verboten. Der Erlass führte an, dass die Vereinigung "zu einem Zufluchtsort für die jungen Feinde des neuen Staates geworden ist."

Diese Lösung kennzeichnete das Enden der Bestrebungen der Hitlerjugend vom internationalen Pfadfinderbüro anerkannt zu werden. Man war während des Jamborees in Ungarn (August 1933) mit dem internationalen Büro in Kontakt getreten, die Hitlerjugend schickte ihren Stabschef Karl Nabersberg. 1934 besuchte er auch das internationale Büro in London, in Pfadfinderuniform, um über gegenseitige Kontakte zu verhandeln. Er wollte auch ein Treffen mit dem französischen Pfadfinderverband. Aber keiner dieser Kontakte kam zustande und die Auflösung der Reichschaft deutscher Pfadfinder war eine der Konsequenzen.

Im August 1933 beschloss die Weltkonferenz der Pfadfinder in Godöllo (Ungarn) folgende Resolution (15/33) mit dem Titel "Politische Propaganda": "Der Kongress fordert noch einmal dazu auf, Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu legen, dass politische Propaganda jeglicher Art, direkt oder indirekt, national oder international, auf jeglichem Pfadfinderlager oder Zusammentreffen von Pfadfindern nicht erlaubt werden darf, an dem Vertreter anderer Nationen eingeladen wurden, teilzunehmen."

1937 wurde die Weltkonferenz in der Resolution 15/37, betitelt "Patriotismus", noch deutlicher in ihrerm Beschluss: "Die Konferenz beschließt, dass das internationale Komitee aufgefordert wird, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sicher zu stellen, dass Pfadfinder und Rover in allen Ländern, während sie wahren Patritotismus fördern, innerhalb der Grenzen internationaler Zusammenarbeit und Freundschaft bleiben, unabhängig von Glauben und Rasse, wie es ihnen immer vom Chief Scout Baden-Powell aufgetragen wurde. Deshalb sollten alle Schritte zur Militarisierung des Pfadfindertums oder die Einführung politischer Ziele, die Missverständnisse hervorrufen können und damit unsere Arbeit für den Frieden und die Verständigung zwischen den Völkern und Individuen behindern, in unseren Programmen gänzlich vermieden werden."

Baden-Powell und die Leiter des internationalen Büros bedroht von den Nationalsozialisten im Jahr 1940

Es ist festzuhalten, dass im Plan der Nationalsozialisten zum Einmarsch in Großbritannien, der 1940 vom SS General Walter Schellenberg vorbereitet wurde, die Festnahme von ungefähr 2800 britischen Staatsbürgern vorgesehen wurde, unter denen sich Lord Baden-Powell und die Leiter des internationalen Pfadfinderbüros befanden.

Dem Einmarschplan lag ein Dokument bei, "Informationsheft Großbritannien", ein Buch mit Informationen über die britische Gesellschaft: Beschreibungen der Naziperspektive bezüglich Adminstration, Schulsystem, Medien, religiösen Gruppen, politischer Parteien, Vereinigungen, Migrantenorganisationen, Freimaurer, jüdischen Organisationen, Polizei, Geheimdienst.

Ein Kapitel dieses Buches trug die Überschrift "Das Erziehungssystem" und beinhaltete zwei Unterkapitel "Öffentliche Schulen" und "Die internationale Pfadfinderbewegung". Wenn man diesen Text liest, ist man über die Mischung von Unsinn und sehr genauen Informationen verwundert. Die Nationalsozialisten glaubten, da Baden-Powell ein Geheimdienstoffizier der britischen Armee war, dass er die Pfadfinder 1907 nur gegründet hatte, um Spionage für England zu betreiben und dass die Beauftragten der verschiedenen internationalen Organisationen den alleinigen Auftrag hätten, monatliche und vierteljährliche Berichte über das politische, ökonomische und soziale Leben in ihrem Land für das internationale Pfadfinderbüro zu verfassen.

Der Teil, der sich mit dem Pfadfindertum befasst, ist ebenfalls ein Beispiel für den Rassismus des Nationalsozialismus: Hubert Martin, der Direktor des internationalen Büros wird als "Halbjude" beschrieben. Alle diese Elemente beweisen den Mangel an gegenseitiger Sympathie zwischen dem Regime der Nationalsozialisten, Baden-Powell und der Pfadfinderbewegung. Sie sollten die Pfadfinder heute dazu ermutigen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, um die Realität ihrer Friedensmission besser zu verstehen und sich gegen totalitäre Regime abzusichern, die immer versucht haben, die Pfadfinderbewegung zu verbieten oder einzuschränken.