Berichte
Nairobi
Nairobi ist eine Verkehrshölle: unsagbar verstopft, kilometerlange Staus, schwarze Abgaswolken darüber, stinkende Luft. Trotzdem bewundere ich den Gleichmut, die Geduld und die Freundlichkeit der Menschen die Lärm, Gestank und Gedränge lächelnd aushalten und – genießen. Gottlob sahen wir auch diesmal keinen Unfall in diesem Ameisenhaufen Nairobi.
Treffen alter Freunde in der Mission bei Loyangalani
Gabriel Orbora (steter Begleiter, übersetzt und organisiert) wartet auf mich. Er wirkt wie ein Skelett mit alter Haut darüber gespannt. Der ganze Mann ist nur noch ein Strich. Auch grau ist er nun schon. Seine Augen wirken so traurig. Darauf angesprochen, berichtet er, dass die zweitälteste Tochter Katharina (17 Jahre) im September ein Kind von einem Mitschüler erwartet. Katharina und ihre ältere Schwester Brigitte (die erste von vielen Brigitten) sind beide in der letzten Klasse der Primary in Loyangalani. Katharina ist eine besonders begabte Schülerin. Ein wenig konnte ich Gabriel trösten. Wichtig ist, dass Katharina die Ausbildung vollendet. Die Großmutter kann sich um das Kind kümmern – wenn es nur gesund ist. Jedes Kind ein Segen!
Unterwegs mit Jacob Naikele
Jacob (Direktor der El Molo Primary Bay) zeigte mir die eben erst fertig gestellte Küchen-Solaranlage und den Solarkocher. Wenn das alles richtig gehandhabt wird, ist es ideal! Man wird nur noch wenig Feuerholz für den Kessel benötigen. Das von den Solarpanelen auf 80 °C erhitzte Wasser wird den Kesseln zugeführt und mit wenig Feuerholz zum Kochen gebracht. Danke der österreichischen Dreikönigsaktion für diese Gabe! Danke auch dem fabelhaften Spezialisten aus der Steiermark, der die Montage bewältigt hat.
Zwischendurch berichtete mir Jacob, dass er Nachricht habe: in Arsim seien Augenoperateure (Licht für die Welt) unterwegs. Sie blieben dort nur 3 Tage und morgen sei der letzte Tag. Es gibt so viele Menschen mit grauem Star und anderen Augenproblemen hier in den El Molo-Dörfern. Deshalb schlug ich vor, sofort die in Frage kommenden Patienten einzusammeln, ein Auto aufzutreiben und die Leute noch heute auf den Weg zu bringen, damit sie morgen gleich behandelt werden könnten. Viel später erfuhr ich, dass die Behandlung in Arsim abgebrochen wurde. Cholera war in Arsim ausgebrochen, die Behandler mussten die Flucht ergreifen.
Moite (Turkana-Siedlung 150 km weiter im Norden) scheint gut zu funktionieren. Heltraut (Ärztin) hatte über 40 PatientInnen dort behandelt. Viele haben eine Knochenkrankheit, die vermutlich von der Milch ihrer erkrankten Tiere herrührt. Es hat seit eineinhalb Jahren nicht geregnet. Die Dürre treibt die Nomaden zu den letzten noch verbliebenen Wasserlöchern und Gräslein. Das kann nicht gut gehen. Viehdiebstahl und Stammesfehden zwischen den Völkern sind vorprogrammiert. Die verdursteten Tiere liegen am Pistenrand und werden einfach zurückgelassen.
In der Schule
Es gelang mir, die Kinder mit dem Buch "Löwin und Lamm" zu bannen. Viviana (Jugendliche) unterstützte mich muttersprachlich. Ich war bestürzt über ihre mangelnde Lesefähigkeit, sie hatte immerhin in einer der besten katholischen Schulen für Mädchen im Land abgeschlossen. Die Kinder waren aber sehr begeistert von meinen Erzählungen und Ausführungen. Wir unterhielten uns ganz locker über Frieden schaffende Verhaltensweisen.
Im Dorf
In unmittelbarer Nähe der "Nursery" lag stinkend der Kadaver einer verendeten Kuh. Ich brüllte "Wollt ihr alle an der Cholera krepieren? Macht Feuer, brennt den Kadaver ab, grabt ihn tief ein – oder es geht euch allen, wie diesem armen Vieh! Don't be so indifferent against these problems!" Diese Gleichgültigkeit machte mich richtig zornig!
Treffen mit den Lehrern und Erziehern der Schule
Der Bezirksschulbeamte Mikel Basili erklärte die neuen Erziehungsmethoden ohne Gewaltstrafen, teilte die Bücher über die Menschenrechte aus, die ich wieder mitgebracht hatte, und gebot den Lehrern, diese Bücher zu lesen und deren Inhalte zu verwirklichen. Auch verlangte Mr. Basili, dass die Lehrer die Kinder zum Lesen ermuntern sollen. Sie sollten auch darauf achten, dass der Umgang mit Büchern sorgsam sei. Er betonte, wie wichtig das Vertrauensverhältnis von Lehrer und Schüler sei, und die Chance für offene Gespräche. Hier – wie allerorts in der Welt – gibt es Gewalt an Frauen und Kindern. Es gefällt mir gut, dass Mr. Basili sagt: "So wie man erzogen wird, erzieht man selbst. Gewalt gebiert Gewalt. Das müssen wir verhindern durch unser Vorbild!"
In der El Molo-Schule beantwortete ich zwei Stunden lang gescheite Fragen der großen SchülerInnen der 7. und 8. Klasse: Was sie tun sollen, wenn ihre Väter rauchen - weshalb Kenia zu 80 % von Importen abhängig wurde - wie wir in Europa den Umweltschutz betreiben - Klimaveränderung - Fair Trade - Bildungsprobleme - Solidaritätsaktionen - Management und Missstände.
Abschied
Eben hat sich Saruni von mir verabschiedet. Ihre Zehen sind vom Barfußlaufen ohne Nägel und stark vernarbt. Meine Sandalen, neu und stark, sind ihr höchstens eine Nummer zu groß. Sie zog glücklich damit ab. Ich bat Saruni zu ihrer Sicherheit und der besseren Ernährung wegen, wieder zur El Molo-Schule zurückgehen. Sie hat es versprochen. (Direktor Jacob hat nach meiner Rückkehr nach Wien gemeldet: Saruni ist wieder in El Molo.)
Danke
Wir danken allen Helfern, Spendern, Mitarbeitern, Freunden und Familienmitgliedern von Herzen für die Kontinuität ihrer Hilfe und für das in uns gesetzte Vertrauen! Wenn es so bleibt, können wir vielleicht noch eine Weile dafür sorgen, dass die Kinder in El Molo Bay Primary in Komote nicht hungern und darben müssen. Sämtliche Rechnungen, Abrechnungen und Belege liegen bei uns auf und können eingesehen werden.
Brigitte & Wilhelm Meissel
Spenden
Spenden für El Molo können auf das Konto 10851896000 bei der BA-CA, BLZ 12000, mit dem Verwendungszweck "El Molo", überwiesen werden.
Weiterführendes
- Helfen mit Herz und Hand 2007 - Das Volk der El Molo in Kenia
- Programmideen für Heimstunden und Sommerlager
Bildnachweis: Familie Meissel
